Letztens war ich wieder bei einem Kunden eingeladen, Mitarbeiter im Bereich Softwaretest und -qualitätssicherung zu schulen. Über drei Tage sollte der große Rundrumschlag gemacht werden: alle Themen ansprechen, so dass ein guter Überblick gewährleistet ist und die Kollegen befähigt werden, selber weiter zu lernen.
Im Schulungsraum saß dann eine sehr überschaubare Anzahl Teilnehmer und ich stellte die erste Frage: “Warum nehmen denn nicht mehr daran teil, ist doch schließlich quasi schon bezahlt!?” Sinngemäße Antwort: “Nee, die wollen nicht, die kennen das schon alles, sagen sie ….” – Aha, soso! Na, dann!
Und was will uns das sagen? Nun, man erkennt daran, die Einstellung der Menschen zu Test, insbesondere derjenigen, die nichts mit dem Test zu tun haben wollen. Sie unterliegen nämlich den
10 Irrtümer des Softwaretest
Irrtum 1: “Testen ist destruktiv und macht alles kaputt!”
Der Softwaretest wird oft als destruktive Tätigkeit gesehen, bei der etwas “kaputtgetestet” wird. Die Kollegen, die sich damit beschäftigen, habe zuweilen einen schweren Stand. Denn sie sabotieren ja die wunderbare konstruktive Arbeit der Entwicklung. So eine Arbeit will man nicht machen, niemals!
Irrtum 2: “Testen geht nur die Testabteilung etwas an! Das sollen die mal machen!”
Es ist aus den Köpfen nicht herauszubekommen, dass Testen die letzte Phase der Entwicklung ist, eigentlich unnötig, weil: es ist ja alles schon fertig.
So gibt es eine klare strukturelle und personelle Grenze zwischen der Entwicklungs- und der Testabteilung. Wir und die anderen. Gerne auch mal gegeneinander.
Irrtum 3: “Testen kann jeder! Da klickt man halt ein bißchen rum und schaut, ob man was findet.”
Was für eine Ausbildung haben Tester? – Keine! Richtig! Was soll man denn da auch schon groß wissen, was man sich nicht innerhalb von zwei Wochen anlernen kann?
Irrtum 4: “Mit dem Abschluss der Entwicklung ist das Projekt beendet! Da fange ich doch schon mal mit den neuen Aufgaben an!”
Und wenn dann doch noch mal was kommt? Ein Fehler (keine Ahnung, wie der da reingekommen ist …) soll behoben werden. Na, dann bequemt man sich halt, seine aktuelle wichtige Arbeit mal eben zu unterbrechen und, bevor die Kollegen Tester noch lange nerven, das da halt mal schnell rauszubauen.
Irrtum 5: “Wenn es im Projekt eng wird, dann wird halt der Test beschnitten und bis zum letzten Tag entwickelt!”
Muss ja fertig werden ….
Irrtum 6: “Der Test hat mit der Arbeit der Entwickler nix zu tun! Das geht die nix an, wie da gearbeitet wird!”
Schließlich liefert so ein Entwickler ja ein höchstkompliziertes, fragiles, dabei aber auf technisch höchstem Niveau produziertes Kunstwerk ab. So etwas kann man nicht messen, bewerten, beurteilen; davor kann man nur erfurchtsvoll in die Knie gehen.
Irrtum 7: “Wenn der Kunde anruft und einen Wunsch hat, ja dann bau’ ich das halt noch schnell ein!”
Dokumentieren wird nicht gemacht: kostet nur Zeit und der Entwickler weiß doch schließlich, was er getan hat.
Irrtum 8: “Die Qualität unserer Produkte ist mies! Da werden wir wohl mal testen müssen …!”
Denn mit Testen finden wir die Fehler und dann ist alles gut.
Irrtum 9: “Ich bin Entwickler und kein Tester!”
Genau! Schließlich haben die Kollegen schon genug mit ihrer Entwicklungsarbeit zu tun. Da können die sich nicht noch um was anderes kümmern!
Irrtum 10: “Test? Wieso Test? Ich hab’ doch schon alles getestet!”
Alles klar, wenn also ein paar Zeilen Code mal mit dem Debugger durchgesteppt wurden, dann ist der Test beendet! Schließlich habe ich keinen Fehler gefunden.
Cool sind auch die Kollegen, die ihren Code für Unfehlbar halten;
oder die Auftraggeber, die in viel zu kurzer Zeit und Budget ein fehlerfreies Meisterwerk erwarten; oder die die nach 70% Projektabschluss “ich-will-das-jetzt-aber-doch-alles-anders-haben-aber-in-der-verbleibenden-projektzeit” Typen …. Herrlich, ich könnt Stundenlang so weitermachen …
P.S.: Die “Bei-mir-hats-aber-funktioniert”-Typen sind auch ganz groß im kommen.
Viele sind halt immer noch der Ansicht, dass “Software ein Bananenprodukt” ist! Reift erst beim Kunden
… da bleibt nur ein Motto: steter Tropfen höhlt den Stein – dran arbeiten, dass solche Missdeutungen zum Testen keine Grundlage finden … bei uns in der Firma arbeiten wir seit gut 4 Jahren explizit an diesem Thema, und, was soll ich sagen, testen wird langsam “sexy” und es wechseln z.B. Projektleiter zum Testbereich
Schön, dass das in Ihrem Bereich klappt, Armin. Meine Erfahrung ist eine andere. Die Stellung des Tests und der Qualitätssicherung ist immer noch eine Frage verständiger Menschen und fähiger Organisationen, die das durchsetzen. Allgemeingut ist das noch nicht.
“Bei-mir-hat-das-aber-funktioniert”-Typen sind mir die Liebsten, Q. Kommentiere das gerne (manchmal auch nur leise für mich …) mit: Schön, herzlichen Glückwunsch! Sie haben die goldene Himbeere für die zielführendste Aussage des Tages gewonnen.
Wie lange soll das denn noch dauern, das geht ja schon ewig